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Cambiar a la versión españolaCarpe diem! Erinnerungen eines Tagepflückers
Carpe diem!
Erinnerungen eines Tagepflückers

ISBN 978-3-940063-10-6
15,95 € (D)
198 Seiten
Hardcover
Rotblatt Verlag
Erscheinungstermin: Oktober 2009

In seinem Buch erzählt Carlos Reichardt von seinen Kinder- und Jugendjahren als Auslandsdeutscher in Barcelona, bis zu seiner Heirat im Jahre 1956. Über die Flucht aus dem spanischen Bürgerkrieg ins Nazideutschland, den anschließenden Besuch der deutschen Schule in Barcelona, seine Einberufung als deutscher Soldat im Jahre 1944, über Gefangenschaft und Leben im zerstörten Deutschland, seiner erneuten Einberufung (diesmal zum spanischen Militär) und seine ledigen Jahre, wie er sie nennt, bis zu seiner Hochzeit. Es ist die spannende, unbeschwert geschriebene Geschichte eines Zeitzeugen, der mit dem nötigen Glück dankbar eine aufregende Zeit bewusst erlebt und überlebt hat, eine Zeit die uns inzwischen bereits weit entrückt ist … Und es ist eine faszinierende Geschichte, die deutlich macht, welche Wechselwirkung Schicksal und Glück mit der eigenen Lebenshaltung haben und dabei immer eine Botschaft spüren lässt: Carpe diem! Einmal angefangen, wird der Leser dieses Buch nur schwer wieder aus der Hand legen können.

LESEPROBE
48. Die ersten Versuche als Bauer

Wie ich den ersten Tag verbracht habe, weiß ich nicht mehr genau. Aber zwei Begebenheiten habe ich nicht vergessen. Es war immerhin mein erster Tag beim Bauern. Noch nie hatte ich so nahe an so vielen großen Tieren gestanden. Ich erinnere mich, dass am späten Nachmittag Herr Lohse und Heino mit einem Pferdewagen von dem Feld heim gekommen sind. Heino spannte das Pferd aus dem Wagen, gab mir die Leine und sagte, ich solle den Fuchs, unser Wallach war ein Fuchs, auf die Weide führen und ihm dort das Geschirr abnehmen und freilassen. Herr Lohse, der unheimlich schelmisch schauen konnte, schaute eben auf diese Weise zu und sagte nichts. Nun muss man wissen (ich wusste es nicht), dass Pferde sehr klug sind und die Füchse, außer klug, auch noch schlau und raffiniert. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben eine Leine in der Hand und vor mir ein großes Pferd. Ich wollte die Angelegenheit logisch angehen und habe mir gesagt, wenn der Wallach läuft, dann musst Du nur an der linken Leine ziehen, wenn er nach links gehen soll und an der rechten, wenn Du willst, dass er nach rechts schwenkt. Ich sagte "Hü" (das hatte mir Heino vorher beigebracht, wie auch, dass ich "Brrrr" sagen musste, wenn er halten sollte) und der Fuchs guckte mich schräg an und rührte sich nicht vom Fleck. Nach mehreren Versuchen vor der versammelten Wohngemeinschaft, inzwischen waren auch die Frauen aus dem Haus zur Begrüßung erschienen, kam mir Heino zu Hilfe. Er schrie "Hü" und der Fuchs lief sofort an (obwohl ich wirklich keinen Unterschied zwischen seinem und meinem "Hü" feststellen konnte). Ich lief hinterher und war froh, mich endlich von den Zuschauern zu entfernen. Als wir in die Weide einschwenken mussten, zog ich an der rechten Leine. Der Fuchs blieb stehen. Ich näherte mich ihm von hinten und streichelte freundlich sein Hinterteil, um ihn für mich zu gewinnen. Der Fuchs legte die Ohren nach hinten an und schlug nach mir aus, traf mich aber nicht, er streifte nur mein Bein. Da habe ich noch ahnungslos gedacht: Und ich war immer der Meinung gewesen, wenn ein Pferd ausschlägt, dann ist das gefährlich! Später habe ich gewusst, dass ich in diesem Augenblick viel mehr Glück als Verstand gehabt hatte.

Den Tormählens hatte ich am Morgen beim Abschied versprochen, sie nach dem Abendessen zu besuchen, um zu berichten, wie es mir ergangen war. Lohses erklärten mir den kürzesten Weg quer über die Wiesen. Sie hatten aber dabei nicht bedacht, dass so ein Anfänger wie ich vielleicht Angst vor den weidenden Kühen haben könnte. Ich zuerst auch nicht. Aber als ich unterwegs war und unversehens mitten in einer Gruppe friedlich weidender Viecher stand, da erschienen sie mir riesengroß und gefährlich. Auf jeden Fall habe ich einen großen Bogen um sie gemacht.

Am zweiten Tag, nach dem Frühstück, gab mir Herr Lohse eine Sense und sagte: "Karl, ich habe kein Talent um Dir zu erklären, wie man damit umgeht. Gehe mit ihr so weit weg, dass wir dich nicht sehen können und versuche dich damit an einem Grabenufer". Voller Tatendrang ging ich ans Werk. So schwer konnte das nicht sein. Die Weide war etwa einen Meter höher als das Wasser im Graben. Ich stellte mich schräg an den Uferhang und holte mit der Sense aus. Irgendwas ist falsch gelaufen, denn nach diesem ersten Schwung hatte ich an meinem linken Wehrmachtsstiefel, vorne an der Spitze, einen 4 cm langen, sauberen Schnitt, haarscharf an meinen Zehen vorbei. Vorsichtig habe ich mich aber weiter versucht und es ist auch nichts mehr passiert. Ein guter Mäher bin ich nie geworden, aber irgendwann wurde ich auch in diesem Fach von Herrn Lohse und von Heino akzeptiert.

Zu Hause mussten natürlich alle schmunzeln. An Schuhwerk hatte ich nur dieses Paar. Frau Lohse wusste, im Nachbardorf Burhave konnten sich entlassene Soldaten irgendwo melden und als Kriegsheimkehrer Schuhe beantragen und erhalten. Wir fuhren mit dem Pferdewagen dahin. Ich zeigte meinen Entlassungsschein und durfte in eine große Halle eintreten. In der Mitte stand ein riesiger Haufen einzelner, gebrauchter Wehrmachtsstiefel in allen Größen und Variationen. Daraus habe ich mir einen linken und einen ähnlichen rechten Schuh ausgesucht, die ich dann auch behalten durfte. Stolz sind wir damit heimgekehrt. Die habe ich dann lange Zeit getragen. Ohne Strümpfe, aber mit angenehmen und praktischen Fußlappen. Man breitete den Fußlappen auf dem Boden aus, stellte den Fuß mittig darauf und schlug die vier Seiten nach oben, hielt sie am Knöchel fest und steckte das Ganze in den Stiefel.

 

Jahre der Zufälle"Jahre der Zufälle"

ISBN 978-3-940063-50-2
15,95 € (D)
194 Seiten
Hardcover
Rotblatt Verlag
Erscheinungstermin: September 2011

Nach der guten Aufnahme seines ersten Buches "Carpe diem! Erinnerungen eines Tagepflückers", in dem der Autor über seine turbulenten Kinder- und Jugendjahre berichtet, hat er nun sein Leben in Spanien und seine Übersiedlung nach Deutschland im Jahre 1960 in diesem Buch festgehalten.

Als Zeitzeuge berichtet Carlos Reichardt spannend und unbeschwert über seine Erlebnisse in beiden Ländern während der letzten sechzig Jahre und ruft uns mit seinen interessanten Geschichten eine ereignisreiche Zeit in Erinnerung, in der so Vieles anders war als heute.

Im Prolog schreibt er: "Das Glück und die Zufälle haben eine beträchtliche Rolle gespielt. So habe ich diesen Lebensabschnitt "Jahre der Zufälle" genannt.

Eine faszinierende Geschichte, die immer die positive Botschaft spüren lässt: Carpe diem !

LESEPROBE:
56. Erlebtes Carpe diem

Im Jahre 1993 hatten wir wieder einen Besuch bei unseren mexikanischen Verwandten geplant und diese Absicht auch unseren Freunden Fidel und Margot mitgeteilt. Sie schlugen uns vor, einen Zwischenstop in Kalifornien zu machen und in ihrem Wagen gemeinsam eine einwöchige Rundreise zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten und Naturparks zu unternehmen. Wir stimmten gerne zu. Bald hatten wir die Termine vereinbart.

Wenige Tage vor unserer Abreise aus Deutschland fragte uns Fidel, ob wir etwas dagegen hätten, wenn ein befreundetes Ehepaar sich uns anschließen würde. Natürlich hatten wir nichts dagegen, zumal wir wussten, dass Fidels Van Platz genug für sechs Personen bot.

Am vereinbarten Termin haben wir uns in San Clemente getroffen, wo wir Carmen und Antonio kennen lernten.

Fidel und Antonio waren seit der gemeinsamen Studienzeit in Madrid eng befreundet. Später sind beide nach Mexiko ausgewandert. Fidel alleine, Antonio mit Carmen, seiner Jugendliebe, die er inzwischen in Madrid geheiratet hatte. Sie litt schon damals unter einer schweren Augenkrankheit. Beide wussten, dass sie eines Tages erblinden würde. Nach wenigen Jahren in Mexiko siedelten Carmen und Antonio in die USA um, wo er in der etwa 300.000 Einwohner großen Stadt Corpus Christi, am Golf von Mexiko, nahe der mexikanischen Grenze, nach kurzer Zeit eine erfolgreiche Arztpraxis führte. Der freundschaftliche Kontakt mit Fidel, der inzwischen Margot geheiratet hatte, riss nie ab. Sie besuchten sich gegenseitig regelmäßig.

Antonio und Carmen, die heute noch in Corpus Christi leben, bekamen im Laufe der Jahre vier Kinder. Carmen, deren Sehkraft ständig abnahm, konnte noch alle sehen, bevor sie, wie erwartet, etwa fünfzehn Jahre nach ihrer Hochzeit ganz erblindete. Sie und Antonio hatten sich konsequent auf diesen Tag vorbereitet. Sie besuchte rechtzeitig eine Blindenschule und lernte die Blindenschrift. Das ganze Haus richteten sie neu ein, damit Carmen sich leichter zurechtfinden konnte. Bevor sie ihre Sehkraft ganz verlor, hatte sie sich an die neue Umgebung gewöhnt. Sie war eine mutige und optimistische Natur und ließ sich von diesem Schicksalsschlag nicht unterkriegen. Sie lernte mit ihrem Handikap zu leben, und mit ihrer Lebensfreude und Lebenslust erleichterte sie auch ihrer Familie die Eingewöhnung in die neue Lage.

Fidel hatte den beiden von unserer geplanten Rundtour berichtet, und Carmen und Antonio hatten den Wunsch geäußert, mit dabei zu sein.

Am nächsten Morgen fuhren wir los. Am Steuer wechselten sich Antonio und Fidel ab. Von Anfang an sorgte Carmen mit ihrem Humor und ihrer Schlagfertigkeit für gute Stimmung. Zu keiner Zeit hat sie ihr Problem zur Sprache gebracht. Nur einmal, erinnere ich mich, sprachen wir über einen taubstummen Bekannten. Da hat sie sich glücklich geschätzt, weil sie „nur“ blind war. Taubstumm zu sein, meinte sie, müsste viel schlimmer sein.

Unterwegs haben wir den Sequoia National Park mit den riesigen, mehrere Jahrhunderte alten Mammutbäumen besichtigt. Wie Kathedralen stehen sie im Wald, lebendige, uralte Lebewesen, wie es sonst keine anderen auf der Welt gibt. Ein unvergessliches Erlebnis.

Jedes Mal, wenn wir aus dem Wagen stiegen, um von einem Aussichtspunkt aus die Landschaft zu bewundern, bat uns Carmen, ihr das Panorama vor unseren Augen zu beschreiben. Und jedes Mal genoss sie sichtlich unsere Schilderung, tief atmend und Bewunderungslaute von sich gebend. Wenn wir auf felsigen Steinen herumkletterten, bestand sie darauf, mitzugehen. Um das Gebilde zu erforschen kniete sie nieder und streichelte mit ihren Händen die Felsen und Steine oder tauchte sie in den fließenden Bach. Sie freute sich über jede Entdeckung wie ein neugieriges Kind. Bei allem war Antonio immer bemüht, ihre Wünsche zu erfüllen.

In San Francisco sind wir mit der berühmten Cable-Straßenbahn gefahren. Unterwegs äußerte Carmen den Wunsch, das Gefährt näher zu erkunden. Antonio sprach mit dem Schaffner. Wie bekannt, wird diese Bahn am Ende der Fahrt auf einem Kreisel um180 Grad gedreht, um für die Rückfahrt positioniert zu werden. An der Endhaltestelle standen am Straßenrand zwanzig bis dreißig Personen, die ungeduldig auf unsere Ankunft warteten, um einzusteigen. Der Schaffner läutete eine Glocke, verschaffte sich somit Gehör und bat mit lauter Stimme die Wartenden um etwas Geduld, „weil eine Blinde die Straßenbahn kennen lernen wollte“. Wir stiegen alle aus, die Menge bliebt ruhig am Straßenrand stehen, während Antonio und Carmen in den Wagen stiegen. Fast eine Viertelstunde haben alle zugeschaut, wie der Schaffner Carmen alles erklärte und wie diese alles mit ihren Händen berührte, um die Formen und Materialien zu erfahren. Vor Begeisterung strahlend stieg Carmen am Ende wieder aus und dankte der wartenden Schar für ihre Geduld. Alle klatschten in die Hände und waren gerührt, ob des ungewöhnlichen Schauspiels.

Das Essen im Restaurant mit Carmen war auch jedes Mal ein Erlebnis. Nachdem der Kellner uns die Menükarte gereicht hatte, las Antonio die verschiedenen Gerichte vor und Carmen sagte was sie essen wollte. Wenn das Essen serviert war und der Teller vor ihr stand, sagte Antonio zu ihr: „Um drei Uhr hast du die Kartoffeln, das Fleisch um neun Uhr und das Gemüse befindet sich auf zwölf Uhr“. Sie begann zu essen, ohne zaudern oder zu zögern, als ob sie alles sehen könnte. Natürlich tastete sie manchmal ein wenig herum. Das allerdings konnte Antonio, der sonst stets sehr geduldig mit ihr umging, überhaupt nicht leiden. Dann mahnte er: „Stochere doch nicht so herum, was sollen die Leute von dir denken!“. Sie lachte und meinte: „Was scheren mich die Leute, die ich nicht sehe!“ und ließ es sich weiter gut schmecken.

In dieser gemeinsamen Woche hat uns die lebensfrohe, blinde Carmen vorgeführt, was mit Carpe diem wirklich gemeint ist: „Nutze dein einmaliges Leben, mach das Beste daraus!“.